Wie die meisten von euch ja wissen, war ich letztes Jahr für ca. 3 Wochen als Teilnehmer des Austauschs "Who 'Are' I - Identitäten in einer globalisierten Welt" in Jordanien und im Libanon. Seitdem habe ich ein sehr großes Interesses am Nahen Osten und insbesondere am Libanon. Das Land hat mich in seinen Bann gezogen! Der offizielle Teil des Austauschs hat nur 4 Tage in Beirut stattgefunden - die restlichen 5 Tage habe ich bei einem Freund, Maroun, gewohnt und mit ihm noch mehr vom Libanon entdecken haben können.
Nach dem Austauch habe ich nicht nur Freundschaften in Jordanien, sondern eben vor allem auch sehr gute Freundschaften im Libanon geschlossen - darum besorgt mich die jetzige Eskalation der Ausschreitungen dort nun natürlich umso mehr. Maroun lebt mit seiner Familie in einem kleineren Vorort nördlich von Beirut und ist von der Situation kaum bis gar nicht betroffen - lediglich die Uni fällt zur Zeit aus. Aber zwei andere Freundinnen und ein Freund leben in Beirut, zwei davon in West-Beirut, also dem vornehmlich muslimischen Teil der Hauptstadt, in welchem der Großteil der Ausschreitungen stattgefunden hat. Ihnen allen geht es zum Glück soweit gut - aber die Situation ist für alle extrem frustrierend und schafft Unsicherheit, ob das Land in einen neuen Bürgerkrieg versinkt oder nicht.
Meine Meinung ist, dass das unwahrscheinlich ist - vor allem die ältere Generation weiß noch sehr genau, was der Bürgerkrieg von 1975-1990 bedeutet hat und dass ein erneutes Aufkeimen eines solchen Krieges allen Seiten, egal ob Regierung oder Opposition, extrem schaden würde. Zudem appellieren die Regierungsparteien (Vertreter der Sunniten, Druzen und dem Großteil der Maroniten) an ihre Mitglieder, sich nicht zu Gewalt provozieren zu lassen. Solange der Konflikt nicht zu massiven Kämpfen zwischen allen Lagern anwächst, ist auch das Ausbrechen eines Bürgerkriegs unwahrscheinlich.
Trotzdem ist die Regierung in einer verzwickten Lage: Der Konflikt wurde ausgelöst durch die Ankündigung der Regierung, gegen das private (und dadurch illegale) Telekommunikationsnetzwerk der Hisbollah vorzugehen. Außerdem wurde der Chef der Sicherheitsabteilung des Beiruter Flughafens gefeuert aufgrund seiner Verbindungen zur Hisbollah. Warum vor allem Letzteres ganz besonders prekär ist für die Hisbollah benötigt einiger Erklärung: Die Hisbollah hat ein enormes Waffenarsenal - größer als das der libanesischen Armee. Jedoch ist sie, was dieses Arsenal angeht, abhängig von Lieferungen aus Syrien und dem Iran. Diese Lieferungen erfolgen entweder über die Landgrenzen zu Syrien oder, dank der Unterstützung des besagten Sicherheitschefs, über den Flughafen. Nun ist Syrien jedoch seit einiger Zeit mit Israel am "flirten": Präsident Assad scheint ernsthaft zu erwägen, die Golanhöhen gegen einen Stopp der Kooperation mit der Hisbollah einzutauschen. Sollte es dazu kommen, wäre die Hisbollah ausschließlich auf die Waffenlieferungen über den Flughafen angewiesen. Aber mit der Feuerung des Sicherheitschefs ist auch dieser "Weg" in Gefahr... Die heftige Reaktion der Hisbollah kann man also als eine, wenn auch heftige Panikreaktion auf die jüngsten Entscheidungen der Regierung sehen. Die Frage bleibt nun, wie die Regierung auf die Provokation durch die Hisbollah nun reagiert - ein Zurückziehen der Entscheidungen steht außer Frage...bleibt abzuwarten, was die Alternative sein wird.
So, das ist nun aber genug an libanesischer Politik. Die Nachrichten zeigen in diesen Tagen nur brennende Autos und Häuser aus Beirut, dass man den Eindruck bekommen könnte, dass der Libanon der nächste Irak oder das nächste Afghanistan wäre - dem ist aber ganz und gar nicht so. Während meiner Zeit im Libanon, habe ich viele schöne Seiten des Landes kennengelernt - neben der Landschaft natürlich allem voran auch das Essen!! Und auch die Menschen im Libanon sind nicht einfach religiös zerstrittene Fanatiker, die nun anfangen, sich abzuschießen - das ist das Bild der Medien. Nein, die Libanesen wie ich sie kennengelernt habe sind kreativ, weltoffen, modern, neugierig und lebensfroh.
Um den Bildern aus den Medien ein wenig entgegenzuwirken zeige ich euch zum Abschluss noch einige meiner Bilder aus dem Libanon vom letzten Jahr.
Die "Corniche" - Beiruts Promenade am Mittelmeer:


Inmitten der Stadt - Betonbauten, aber mit Flagge:

Vom Dach des Hauses von Soha werfen wir einen Blick auf Beirut von oben:

Das Zentrum Beiruts - die Hariri-Moschee:

Und der zentrale Place d'Étoile mit dem Parlament im Hintergrund - dort versuchen die Parlamentarier bereits seit November letzten Jahres, einen Präsidenten zu wählen...

Am Berghang im Hintergrund seht ihr die Stadt Bsharri - vornehmlich christlich maronitisch kommen hier nicht nur Maroun und seine Familie her, sondern auch der berühmte libanesische Dichter Khalil Gibran:

Und hier die Silhouette von Bsharri:

Auf dem Weg von Bsharri zurück nach Beirut haben wir diesen wunderschönen Sonnenuntergang gesehen:

Und zu guter Letzt: Bilder aus dem Zedernwald in der Nähe Bsharris. Einige dieser Bäume sind über tausend Jahre alt - ja, das sind die Zedern, wie sie sogar in der Bibel erwähnt sind!!


Maroun und ich im Zedernwald:

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